Kapitel 15: Die Wahrheit über den Koffer

„Wer ist der zweite Müller?“, fragte Herr Müller. Die dunkle Gestalt in der Erinnerung bewegte sich nicht. Frau Schnabel stellte das Bild ab. „Eine Möglichkeit, die aus Ihrer ersten Korrektur entstand. Sie wollte Ferdinand unbedingt als Menschen zurückholen.“ „Das klingt zunächst nicht verwerflich“, sagte Müller. „War es auch nicht“, erwiderte Ferdinand. „Bis er bereit war, dafür alle anderen Möglichkeiten zu löschen.“ Müller betrachtete den Koffer. Das Leder war an den Ecken abgewetzt, der Griff sorgfältig geflickt. Es fiel ihm schwer, darin einen Menschen zu sehen. Noch schwerer war es, sich vorzustellen, dass er selbst ihn seit 153 Jahren kannte.
Ferdinand erzählte von ihren Jahren als Kollegen. Sie hätten in der Abteilung unmögliche Meldungen untersucht: einen Mann, der zwei Schatten warf, einen Brief, der erst nach seiner Antwort geschrieben wurde, und eine Teekanne, die beleidigt war, weil niemand ihren Geburtstag kannte. „Du warst der Vernünftige“, sagte Ferdinand. „Und ich war derjenige, der unbedingt ausprobieren wollte, was passiert, wenn man den falschen Knopf drückt.“ „Das klingt nicht nach mir“, sagte Müller. „Du hast dich verändert. Nicht unbedingt zum Schlechteren.“
Die sieben Zeitlinien waren einst wie sieben Fächer eines Schrankes voneinander getrennt gewesen. Doch jede Korrektur hatte neue Verbindungen geschaffen. Als eine der Versionen von Müller begann, die anderen zu überschreiben, versteckte der ursprüngliche Herbert seine Erinnerungen. „Er setzte sich in eine neue Lebensgeschichte ein“, erklärte Frau Schnabel. „Mit Eltern, Schule, Beruf und einem ganz gewöhnlichen Alltag. So konnte niemand ihn als Gründer der Abteilung finden.“ „Auch ich selbst nicht“, sagte Müller. „Genau.“ Er dachte an seine Eltern, seine Kindheit und seine sorgfältig sortierten Fotoalben. „Sind die Erinnerungen echt?“ „Ja“, sagte Frau Schnabel. „Dein Leben ist echt. Nur der Weg dorthin war ungewöhnlich.“
Ferdinand rollte näher. „Ich blieb bei dir, weil ich es versprochen hatte. Sprechen durfte ich erst, wenn die alte Maschine wieder aktiv würde. Vorher hätte ich die Zeitlinien gefährdet.“ Müller legte eine Hand auf den Griff. „Du hättest mir wenigstens sagen können, dass ich früher einen Schnurrbart hatte.“ Ferdinand lachte. „Den hast du dir selbst verboten.“ Im selben Moment ertönte aus der Ferne ein Alarm. Der Kühlschrank meldete sich über Frau Schnabels Regenschirm: DER KORREKTOR LÄUFT WIEDER. Herr Müller sah zur Tür. „Dann wird es Zeit, dass ich mich an den Rest erinnere.“
Nächstes Mal: Der Kühlschrank öffnet sein Gedächtnis und enthüllt den Standort der Maschine.
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