Kapitel 1: Der Dienstag, an dem alles begann

Herr Müller glaubte an drei Dinge: pünktliche Müllabfuhr, beschriftete Gefrierdosen und die beruhigende Gewissheit, dass Koffer nicht sprechen. An diesem Dienstag musste er seine Überzeugungen neu ordnen. Um 6:45 Uhr klingelte der Wecker, um 6:52 Uhr putzte er die Zähne und um 7:03 Uhr setzte er den Kaffee an. Alles wie immer. Nur stand mitten im Wohnzimmer sein alter brauner Reisekoffer, obwohl er ihn am Sonntag im Schrank verstaut hatte.
„Du stehst im Weg“, sagte Herr Müller. „Das könnte ich auch von dir behaupten“, erwiderte der Koffer. Müller sah hinter das Sofa, unter den Tisch und schließlich zur Zimmerdecke. „Ich war das“, sagte der Koffer. „Und bevor du fragst: Nein, du träumst nicht. Im Traum würdest du wenigstens vernünftige Hausschuhe tragen.“ Herr Müller setzte sich so vorsichtig auf die Sofakante, als könnte sie ebenfalls anfangen zu reden. Der Koffer hatte zwei blanke Schlösser, die beim Sprechen wie Augenbrauen zuckten.
„Seit wann kannst du sprechen?“ „Schon lange. Aber seit diesem Dienstag darfst du mich hören.“ „Wer erlaubt denn so etwas?“ „Eine Behörde, die du glücklicherweise vergessen hast.“ Müller notierte auf seinem Einkaufszettel: Milch, Batterien, Behörde überprüfen. Er fand, ungewöhnliche Ereignisse ließen sich besser ertragen, wenn sie auf einer Liste standen. „Wie heißt du?“ fragte er. „Ferdinand. Früher Professor Ferdinand Koffer. Über den Nachnamen brauchen wir nicht zu diskutieren.“
Aus der Küche ertönte ein deutliches Klacken. Der Kühlschrank hatte sich selbst geöffnet. „Schließ ihn“, flüsterte Ferdinand. „Warum?“ „Weil er zu viel weiß.“ Herr Müller ging in die Küche. Auf dem obersten Fach lag ein Umschlag mit seinem Namen. Die Schrift sah aus wie seine eigene, nur viel älter. Er hob ihn auf und bemerkte das Datum: 1873. „Das ist unmöglich“, sagte er. „Du wirst dich wundern“, antwortete der Koffer aus dem Wohnzimmer. Und dann fügte er hinzu: „Bitte trink heute keinen zweiten Kaffee.“
Nächstes Mal: Warum ausgerechnet der Kühlschrank mehr über Herrn Müller weiß als Herr Müller selbst.